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Die meisten oppositionell
gesinnten und gut informierten Russen wollten offenbar nicht für „Pussy
Riot“ auf die Straße gehen. Massenproteste gab es nur im Ausland, wie
hier Hamburg
Das Urteil ist gesprochen: Ein russisches
Gericht hat drei Frauen von „Pussy Riot“ zu je zwei Jahren Gefängnis
verurteilt. Wochenlang trieben ausländische Journalisten und Medien im
Pussy-Riot-Rausch, malten sich und der Welt ein Bild. Es trägt den
Titel: „Böser russischer Staat gegen unschuldige kleine Mädchen“. Die
Wirklichkeit verzerrten die Journalisten, das Bild sollte möglichst
perfekt sein. Bitte kein grau. Eine Frage wurde gar nicht mehr gestellt,
sie ging unter in der Solidarisierungswelle. Eine wichtige Frage: Für
wen setzen wir uns da eigentlich ein?
Die 22 Jahre alte ehemalige Philosophiestudentin
Nadjeschda Tolokonnikowa, die als Ikone der Russischen Revolution, als
Heldin gezeichnet wird, ist seit Jahren Mitglied der russischen
Aktionskunstszene. Mit der Gruppe „Woina“ veranstalteten sie, ihr Mann
Pjotr Wersilow und einige andere im Frühjahr 2008 eine Gruppensex-Orgie
im Moskauer Museum für Biologie. Tolokonnikowa war damals im neunten
Monat schwanger - der Gruppensex machte sie und die anderen auf einen
Schlag in ganz Russland bekannt.
Pornographie als Kunst
Weitere provokative und vulgäre Aktionen folgten:
Im September 2008 erhängte die Gruppe symbolisch
fünf Menschen in einem Moskauer Supermarkt: Zwei Homosexuelle ließen
sich freiwillig „hängen“, drei Gastarbeiter bekamen Geld. Mit Stricken
um den Hals, allerdings ohne Gefahr für ihr Leben, baumelten sie an der
Decke, bis Mitarbeiter des Supermarktes sie abnahmen.
Weitere Artikel
Am
ersten Tag des Prozesses gegen den Kunstkuratoren Andrej Jerofejew im
Mai 2009 packten Tolokonnikowa und andere „Woina“-Mitglieder im
Gerichtssaal E-Gitarren aus und sangen das Lied „Vergiss nicht, dass
alle Bullen Missgeburten sind“. Die Aktion trug den Namen „Schwanz in
den Arsch“.
Im Juli 2010 entwendete eine Aktivistin von „Woina“
ein Suppenhuhn aus einem Petersburger Supermarkt. Mit einigen Männern
und kleinen Kindern im Schlepptau wanderte sie im Markt umher,
schließlich stopfte sie sich das Suppenhuhn so tief wie möglich in ihr
Geschlechtsorgan und verließ den Laden. Die Gruppe filmte die Aktion und
stellte den Clip ins Netz, alles, was sie tun, dokumentieren sie.
Pornographie als Kunst. Das Video ist mittlerweile schwer zu finden,
manche Plattformen haben es gelöscht, andere Versionen sind großflächig
verpixelt.
Arroganter, rechthaberischer Duktus
Und was
sollte das Ganze? Die Woina-Mitglieder nannten die Aktion
„Bjesbljadno“. Das bedeutet „nicht anschaffend“. „Woina“- Gründer Oleg
Worotnikow erklärte den Titel so: „Nicht anschaffen gehen ist das
Lebensprinzip von Woina. Unsere Aktivisten sind keine Schlampen, sie
verkaufen nichts und kaufen nichts. Sie leben, ohne Geld auszugeben,
also ohne anschaffen zu gehen. Sie vögeln nach allen Regeln der Kunst
die zuhälterische russische Wirtschaft und das Regime, das das Volk
vernichtet. Alles, was Woina braucht, nimmt es sich umsonst. Lebe
umsonst, stirb ohne anschaffen zu gehen. Nieder mit der Küchensklaverei,
es lebe die russische Frau!“
Im Herbst 2009 hatte ein ukrainischer Blogger
Geschlechtsverkehr mit einer Frau vor dem Parlament in Kiew. Ein
Nachahmer von „Woina“. Die russischen Aktivisten waren mit von der
Partie, sie kümmerten sich um die Organisation und um die mediale
Vermarktung des Events. Der Blogger kam in Untersuchungshaft und wurde
später zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Auch die
Mitglieder von „Woina“ wurden von der ukrainischen Polizei beinahe in
einer Wohnung festgenommen. Die Gruppe spaltete sich, ihr Mitbegründer
Oleg Worotnikow behauptete, Wersilow und Tolokonnikowa hätten den
Blogger und die Gruppenmitglieder an die Polizei verraten.
Der arrogante, rechthaberische Duktus der Pamphlete
und Interviews von Worotnikow, Wersilow und Tolokonnikowa ähnelt jenem
der deutschen Sponti-Szene in den sechziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts: Der Name der Künstlergruppe „Woina“ bedeutet „Krieg“. Sie
führen ihn gegen das Establishment, den Staat und die Polizei. Beim
Sturm einer Modenschau in Moskau zündeten sie Brandpulver und riefen
„Fickt die Sexisten, die verfickten Putinisten“. Über die Reaktion des
Publikums sagten sie stolz: „Die Idioten in ihren Pelzmäntelchen blieben
einfach sitzen wie dumme Kühe. Sie sind so debil, dass sie gar nicht
wussten, was sie tun sollen.“
Selbst Oppositionelle haben die Aktion in der Kirche kritisiert
Sich
selbst sehen sie als Speerspitze einer Bewegung, die dem Rest der
Gesellschaft die Augen öffnen muss. „Alle drei wollen Russland vom
Mittelalter in die Moderne bringen“, beschrieb Wersilow die Motivation
der inhaftierten Pussy-Riot-Aktivistinnen. Ihre Verachtung gegenüber
praktisch allen anderen russischen Künstlern, die sich angeblich mit dem
System arrangiert haben, ist grenzenlos. Ihre politische Ausrichtung
nennen sie „linken Antiautoritarismus“. Sie fordern „mehr
Selbstverwaltung und Selbstorganisation“ und dass es „keine beschissenen
Führer“ gibt. Außerdem wollen sie „Putin die Nase brechen“ und „dass
die feministische Bewegung aktiver wird, dass Feministinnen nicht nur
unzufrieden, sondern auch gegen Putin sind“.
Die Aktivistinnen neigen nicht zur Bescheidenheit:
„Wir sind Figuren aus Filmen über Superhelden, die aus dem Fernseher
gekommen sind, um die Straßen zu erobern“, sagten sie in einem
Interview. Vor dem Urteil schrieb Tolokonnikowa in einem Brief, ihr Fall
habe völlig unterschiedliche Kräfte der Gesellschaft vereint: „Es
geschieht, was für die heutige russische Politik unglaublich ist: Die
Gesellschaft nimmt Einfluss auf das Regime, fordernd, beharrlich,
machtvoll und konsequent. Egal, wie das Urteil sein wird, wir siegen,
ihr siegt schon. Weil wir gelernt haben, zornig zu sein und politisch zu
sprechen.“ Dem „Spiegel“ erzählte Wersilow, die drei jungen Frauen
seien „Vorbilder für Millionen von Russen“. Die Behauptung ist bodenlos:
Selbst russische Oppositionelle wie Boris Akunin und Alexej Nawalny
haben die Aktion in der Kirche kritisiert und lediglich gegen die zu
harte Reaktion des Staates protestiert. „Wir stehen vor einer
unbestreitbaren Tatsache: Dumme Hühner, die einen Akt geringfügigen
Rowdytums begangen haben, um Publicity zu bekommen“, schrieb Nawalny.
Auch der Vergleich der herrschenden Verhältnisse
mit jenen der totalitären Vergangenheit erinnert an die sechziger Jahre:
„In Russland hat sich in den vergangenen 50 Jahren wenig geändert:
Wahre Anerkennung kann ein Mensch aus der Kultur nur erlangen, indem er
sich dem Regime entgegenstellt, indem er ins Gefängnis geht und verfolgt
wird“, schrieben Tolokonnikowa und ihre Gefährtinnen aus der
Untersuchungshaft an den damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedjew. In
ihrem Schlusswort am letzten Gerichtstag verglich Tolokonnikowa das
Verfahren mit der Inquisition und der Praxis der „Stalinschen Troikas“,
jener NKWD-Kommissionen mit drei Mitgliedern, die vor allem in den
dreißiger Jahren in der Sowjetunion wüteten.
All die Suaden erscheinen heuchlerisch
Parallelen
zur ersten RAF-Generation gibt es auch in der Rücksichtslosigkeit
gegenüber den eigenen Kindern. Ulrike Meinhof ließ ihre Zwillingstöchter
in Sizilien verstecken, um sich voll und ganz dem Kampf gegen das
System widmen zu können. Bei den russischen Aktionskünstlern werden die
Kinder sogar zum Instrument oder Schutzschild der Gruppe.
„Woina“-Mitbegründer Worotnikow stürmte auf einer nicht genehmigten
Demonstration in Sankt Petersburg inmitten von Mitgliedern der autonomen
Szene mit seinem zwei Jahre alten Sohn auf dem Rücken über den
Newskij-Prospekt. Dabei bespritzte er Polizisten mit Urin, das er in
mehrere Flaschen abgefüllt hatte. Als die Polizei ihn festsetzte und ihm
den schreienden Sohn entwand, beschwerte Worotnikow sich über die
unmenschlichen Methoden der Polizei.
Nur Tage nach dem Gruppensex im Museum gebar
Tolokonnikowa ihre Tochter Gera. Nach Streitigkeiten mit ihren Eltern,
die ihren Lebensstil missbilligten, musste Tolokonnikowa die von ihnen
zu Verfügung gestellte Wohnung verlassen. Die junge Familie zog
daraufhin von Wohnung zu Wohnung, bis sich die wenige Monate alte Gera
bei einem nächtlichen Sturz von einem Computertisch schwer verletzte.
Als Wersilow und Tolokonnikowa in Kiew den Blogger beim öffentlichen
Geschlechtsverkehr unterstützten, befand sich die inzwischen anderthalb
Jahre alte Tochter schon seit längerem in der Obhut von Wersilows
Eltern.
In den vergangenen Monaten setzte Wersilow seine
Tochter Gera medienwirksam ein. Für CNN spazierte er mit ihr im Garten.
Im Internet veröffentlichte er ein Foto des nun vier Jahre alten
Mädchens. In der Hand hält sie ein Plakat mit der Aufschrift: „Ich gehe
auf die Demo, damit meine Mutter entlassen wird.“ Einen Tag nach dem
Urteil erzählte er russischen Medien, Gera zeichne für ihre Mutter
Fluchtpläne. All die Suaden über den unmenschlichen russischen Staat,
der die Mütter zweier kleiner Kinder ins Gefängnis stecke, erscheinen
vor diesem Hintergrund zumindest fragwürdig, wenn nicht sogar
heuchlerisch.
Nicht vergleichbar mit Deutschland im Jahr 2012
Wussten
Tolokonnikowa und ihre Mitstreiterinnen, welche Tragweite ihre Aktion
haben würde? In Briefen aus dem Gefängnis und Äußerungen vor Gericht
behaupten die drei, dass sie sich eine solche Reaktion nicht hätten
vorstellen können. Auch hätten sie nicht geahnt, dass ihre Aktion die
Gefühle von orthodoxen Gläubigen verletzen könnte. Dafür gibt es zwei
mögliche Erklärungen: Entweder sind die Frauen sehr naiv oder sie sagen
nicht die Wahrheit. Da zumindest Tolokonnikowa seit nunmehr fünf Jahren
Mitglied der Aktionskünstlerszene ist, lässt sich Naivität in ihrem Fall
ausschließen.
Ganz nüchtern betrachtet: Die Frauen drangen in die
wichtigste Kathedrale des Landes ein, sangen dort „Scheiße, Scheiße,
Gottesscheiße“ (etwa vergleichbar mit dem italienischen „porco dio“) und
dass der Patriarch ein „Schweinehund“ (das russische Wort entspricht
stilistisch dem englischen „bitch“) sei. Zuvor hatten sie bei einem
ähnlichen Auftritt in einer kleineren Kirche schon Material gesammelt.
Aus beiden Videoaufnahmen bastelten sie dann den Clip, der im Internet
mehrere Millionen Klicks sammelte.
Die heutige russische Gesellschaft ist nicht
vergleichbar mit jener Deutschlands im Jahr 2012. Sie ähnelt eher der
westdeutschen Gesellschaft der sechziger Jahre und ihrer verbreiteten
Intoleranz. Das „Punkgebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale war für
jeden gläubigen oder zumindest konservativen Russen die maximal mögliche
Provokation. Nicht etwa wegen der Worte „Gottesmutter, vertreibe
Putin“, sondern wegen der Tänze vor der Ikonostase, der Schimpfworte an
einem religiösen Ort, wegen der erschrocken umherlaufenden älteren
Frauen. Hätten die jungen Frauen, so wie bei früheren Aktionen –
darunter der Auftritt „Putin hat sich in die Hosen gemacht“ auf dem
Roten Platz – einen weniger „heiligen“ Ort gewählt, sie säßen nicht im
Gefängnis.
Viele Russen sind zynisch geworden
Umfragen
des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada zeigen, dass sich
vor dem Prozess 86 Prozent der Russen für eine Bestrafung der Frauen
aussprachen und 37 Prozent sogar für eine Gefängnisstrafe. In den Augen
der russischen Bevölkerung hat der Staat mit dem Urteil einigen
Provokateuren eine Lektion erteilt, und dies nach Recht und Gesetz. Laut
Lewada-Umfragen ist fast die Hälfte aller Russen überzeugt, dass das
Gerichtsverfahren objektiv, unvoreingenommen und gerecht verlaufen sei.
Das Ende der Sowjetunion und der Verlust der
kommunistischen Ideologie hat in der russischen Gesellschaft ein
Wertevakuum hinterlassen, an dem das Land bis heute krankt. Die
Gesellschaft ist stark individualisiert, als einzige funktionierende
soziale Einheit ist oft nur die Familie übriggeblieben. Viele Russen
sind zynisch geworden, vertrauen ihrem Bürgermeister ebenso wenig wie
ihrem Nachbarn.
Der orthodoxe Glaube ist dabei für sie der einzige
„Anker“, der ihnen Identität stiftet, eine Institution, die die
Gesellschaft über alle Einkommens-, Herkunfts- und Bildungsunterschiede
zusammenhalten kann. Dass der Staat die Kirche propagandistisch für
seine Zwecke nutzt, ist ihnen bewusst, wird von Priestern und einfachen
Gläubigen auch kritisiert. Aber auch diese Kritiker hat das Punkgebet
von „Pussy Riot“ vor den Kopf gestoßen.
Von Widersprüchen geprägt
Dass derartige
Kunstaktionen nicht nur in Russland strafbar sind, mussten am Sonntag
drei Pussy-Riot-Unterstützer erkennen, die im Kölner Dom
Solidaritätslieder sangen. Sie erhielten eine Anzeige wegen Störung der
Religionsausübung (bis zu drei Jahren Freiheitsentzug),
Hausfriedensbruch (bis zu einem Jahr Freiheitsentzug) und Verstoß gegen
das Versammlungsrecht. Die Rechtspraxis in Deutschland unterscheidet
sich allerdings von der russischen: Eine solche Tat wird als
Ordnungswidrigkeit gewertet, und die Angeklagten kommen mit Geldstrafen
davon. Das Urteil fiel in Russland viel härter aus – viel zu hart.
Deutsche Redaktionen fordern von ihren
Moskau-Korrespondenten gerne den „Rundumschlag“, damit das Thema für den
Leser leicht verdaulich ist. In diesem Fall hieß das: der Fall „Pussy
Riot“ als Zeichen dafür, dass der russische Staat unter Putin III. in
die Diktatur abgleitet. So wurde es dutzendfach geschrieben, obwohl die
These gewagt ist. Echte Diktaturen wie Nordkorea oder Usbekistan gehen
gegen ihre Kritiker mit ganz anderer Härte vor. Prozesse sind dort
häufig nicht öffentlich, und Kritiker verschwinden für Jahre hinter
Gefängnismauern, ohne dass ihr Schicksal im Westen viel Aufmerksamkeit
findet.
Die russische Wirklichkeit war und ist von
Widersprüchen geprägt. Ja, Nichtregierungsorganisationen müssen sich
seit neuestem als „ausländische Agenten“ bezeichnen, und das
Demonstrationsgesetz wurde radikal verschärft. Andererseits wurde im
Frühjahr das Parteiengesetz radikal entschärft, lange verbotene Parteien
sind nun wieder offiziell registriert worden. Auch die 2005
abgeschafften Direktwahlen der Gouverneure wurden im Januar wieder
eingeführt – was als direkte Reaktion des Regimes auf die
Winterdemonstrationen interpretiert wurde.
Putin liebt es, die Rolle des bösen Buben zu spielen
Ganz
allgemein gesagt: Offene Kritik an Putin bedeutet nicht, dass man dafür
ins Gefängnis kommt. Viel eher ist das Gegenteil der Fall. Der
Schriftsteller Sachar Prilepin, ein erbitterter Gegner von Putin,
beklagte einmal, dass die russische Demokratie so angelegt sei, dass man
über sich selbst, das System und seine Führer alles sagen und schreiben
könne – das einzige Problem sei, dass das den Vertretern des Regimes
völlig schnurz sei.
Der internationale Aufruhr rund um die drei jungen
Frauen mag für viele im Westen, die sich an den Protesten beteiligt
haben, eine Herzenssache gewesen sein. In Russland selbst jedoch hat die
mediale Aufblähung des Verfahrens Präsident Putin nicht nur nicht
geschadet, sondern sogar genützt. Wie es der Kunstkurator Andrej
Jerofejew, der vor zwei Jahren wegen eines ähnlichen Verfahrens vor
Gericht stand, ausgedrückt hat: Putin liebt es, die Rolle des bösen
Buben zu spielen. Zudem weiß er aus der Vergangenheit: All die
internationalen Proteste gehen an den bestehenden politischen und
wirtschaftlichen Beziehungen vorbei wie ein lauer Sommerwind. Dafür ist
Russland zu wichtig, als Kunde der deutschen Wirtschaft und
unverzichtbarer Rohstofflieferant in Europa, als Vetomacht im
UN-Sicherheitsrat.
Sympathie und Verständnis vor allem im Ausland
Nach
dem Urteil kamen bekannte Oppositionelle wie der Schriftsteller Boris
Akunin und der Anwalt Alexej Nawalny zum Chamowniki-Gericht, um gegen
das Verfahren zu demonstrieren. Massenproteste gab es nicht. Die meisten
oppositionell gesinnten und gut informierten Russen, und davon gibt es
in Moskau Hunderttausende, wollten offenbar nicht für „Pussy Riot“ auf
die Straße gehen. Aus ihrer Sicht sind „Pussy Riot“ keine Dissidenten,
ihren Aktionen fehlte es an Relevanz. Würde dagegen ein Gericht Nawalny
oder Akunin verurteilen – die Reaktion der Bürger wäre ganz anders.
Millionen mögen die Petition an Putin
unterschreiben, Madonna mag für „Pussy Riot“ singen, die grüne
Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Beck sogar extra zum Prozess nach
Moskau kommen – Sympathie und Verständnis wecken solche Aktionen vor
allem im Ausland. „Pussy Riot“ hätten „der russischen Protestbewegung
ein Gesicht gegeben“, sagt Wersilow. Wunschdenken. Der Protestbewegung
hat die Affäre keinen neuen Auftrieb gegeben. Sie hat ihr sogar zutiefst
geschadet.